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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Moin Freunde von Handicap



H-rald
04.08.2009, 07:49
Die Neue Osnabrücker Zeitung hat unserer Segelei am Dümmersee einen Artikel gewidmet.
Schaut doch mal rein.

Handbreit und noch eine schöne Saison

wünscht Harald

Makani
25.08.2009, 19:21
Ich finde es so superklasse, was ihr macht! auch jeder "gesunde" weiß, wie toll sich segeln anfühlt, wie gut es einem danach gehen kann. ich spüre es, weil ich unfreiwillig nicht zum segeln komme, mir mein ganzes leben schon ein seglerleben gewünscht habe, es aber nur mal sporadisch ein stündchen tun kann. aber diese kleinen momente, für die lohnt es sich zu leben.
umso wertvoller, was IHR diesen menschen für eine freude bereitet!
lieben gruß
ina

H-rald
27.08.2009, 07:58
vielen Dank für Deine Zeilen - schön zu lesen. Meine Kollegin ist anfang August eine Woche mit sechs autistisch behinderten Menschen auf der Ostsee unterwegs gewesen. Ich werde über diesen Törn, der mit einer 46er Bavaria durchgeführt wurde, noch ausführlicher berichten.

Handbreit

Harald

Koenigsboote
09.09.2009, 08:43
Auf diesen Bericht freue ich mich schon sehr. Von 91 - 95 durfte ich temporär eine Segelschule in Lemmer leiten. Dort hatten wir teilweise Jugendgruppen mit Behinderten und es war für alle Beteiligten immer eine absolut vielfältige Erfahrung und förderlich für jeden. Ein Highlight aus dieser Zeit, vom dem ich seglerisch noch immer begeistert bin, war das Segeln mit blinden. Nachdem auf unseren Falken für die entsprechende Sicherheit gesorgt war, hatte ich am Schluss der folgenden Tage wohl am meisten gelernt.
Meine Erfahrungen auf den Punkt gebracht gilt für mich immer noch, dass, nicht nur beim Segeln, dort jedoch sehr prägnant, der Austausch mit Leuten mit Handicap bestens geeignet ist um die Welt mal wieder aus einer anderen Richtung zu bereichern.

Luvena
11.10.2009, 18:54
Hallo zusammen,

seit vier Jahren begleite ich Segeln mit behinderten Menschen auf dem Dümmersee. Es bereitet mir viel Freude und die Rückmeldung der Teilnehmer bestärkt mich in meiner Arbeit.
Vor drei Jahren sind wir mit einem Segeltörn mit autistischen Menschen auf der Ostesee gestartet. Dieser findet seitdem jährlich jeweils für eine Woche statt. Nach anfänglicher Skepsis hat sich das Projekt mit großem Erfolg bewährt.

Wie H-rald schon oben erwähnte, möchte ich euch einen Einblick aus der Sicht eines Teilnehmers des Ostseetörns, bieten.

Luvena
11.10.2009, 18:58
"Segeltörn auf der "Intention"
Robin

Der 1. Tag
Heute ist der erste Tag der Segelfreizeit. Lena und Thomas, die Leiter der Reise, haben eine Gruppe aus Autisten zusammengetrommelt. Das sind Guido, Christina, Johannes, Frank, Sören und ich, die sich nun auf der engen Hinterbank eines Kleinbusses in Osnabrück tummeln. Der Weg ist holperig, es ist sehr früh, und deshalb nutzen wir die ausgiebige Gelegenheit, etwas Schlaf nachzuholen. Irgendwann hält der Bus, und wir erlangen einen ausgiebigen Blick auf Heiligenhafen. Warum dieser Hafen heilig gesprochen wurde, habe ich leider versäumt, nachzufragen.
Am Steg ankern Hunderte von Booten unterschiedlichster Herkunft und Größe. Unser Boot trägt den schwierigen Namen „Intention“ und ist vom Typ Bavaria 46. Es befindet sich am 4. Dock ganz hinten direkt am Kiel. Unser Nachbarsboot wird von einem sehr neugierigen - und bellfreudigen - Hund mit Rettungsweste bewacht. Also kann man auch Hunde auf dem Boot halten! Dessen Besitzer sind sehr freundlich und haben mir meinen Turnschuh wieder aus dem Hafenbecken gefischt.
Als allererstes müssen wir unseren schwer beladenen Bus leeren. Eine Reisetasche schwerer mache ich mich mitsamt meinem Rucksack auf dem Weg zurück über die Reling. Übrigens müssen wir immer am Bug hochklettern, da alle Schiffe vertikal festgebunden sind. Nachdem alles an Boot geworfen ist, erkunden wir das Höhlensystem des Schiffes.
Durch den - immer offenen - Eingang (Der Begriff „Tür“ gibt ihm ein falsches Bild!) gelangen wir in einen Raum, der ein Mix aus Küche, Wohnzimmer und Gemeinschaftsraum darstellt. Als erstes fällt mir der Herd auf, welcher immer vor und zurück schaukelt. Da fällt der Kochtopf selbst bei Sturm nicht herunter!
Einen Fernseher gibt es auch, er tarnt sich jedoch als Bordcomputer und ist daher den Tag über tabu. Die übrigen Räume im Schiff ähneln eher Schränken, bis ich erfahre, dass es sich um Kojen handelt. Die Wände lassen etwas an Gummizellen erinnern. Das heutige Segelschiff nennt man übrigens Segelyacht.
Unsere Yacht hat zwei Segel und jede Menge Plätze zum Verstecken - etwa unter den Sitzen. Nach der Besichtigung des Schiffes gehen wir erst einmal Lebensmittel einkaufen.
Der Tag neigt sich dem Ende entgegen, und Lena erklärt uns noch den geheimen Code für die Hafentoiletten.
Danach gibt es zum Abendessen Schupfnudeln, die in der Pfanne serviert werden. Es schmeckt gut! Dann verkriecht sich jeder in seiner Koje in seinen Schlafsack. Mein Mitbewohner - oder soll ich sagen Kojen-Kamerad? - ist ein sehr ruhiger Zeitgenosse, und so kann ich ungestört einschlummern.

Der 2. Tag
Am nächsten Tag steht die große Abfahrt bevor. Wir werden früh geweckt und schmieren uns ausgiebig Brote mit Nutella. Plötzlich treffe ich einen fremden Mann an Bord. Sein Name ist Rollo, der Skipper, der die Yacht von nun an steuern wird.
Vor der Abfahrt geht jeder im Hafen noch einmal auf die Toilette, und wir können ablegen. Thomas, unser Lastenträger, entpuppt sich als geschulter Leichtmatrose an Deck. Auch ich lerne mit der Zeit, dass es auf hoher See so manche Regeln für die Mannschaft an Bord des Schiffes gibt:
• In der Koje darf man sich nur abends schlafen legen.
• Solange das Schiff fährt, wird immer die orange Rettungsweste getragen.
• Der Skipper hat an Bord das volle Kommando - zu unserem Besten!.
• Langschläfer werden ins Wasser geworfen, denn Schwimmen ist das Höchste an Bord.
• Wer Streit sät oder schlecht gelaunt ist, muss ins Beiboot. Dies ist jedoch weniger eine Strafe als ein Vergnügen, denn an Bord der Yacht spürt man die Wellen kaum, so habe ich richtig Spaß im Beiboot, das hinten angebunden ist.

Den ganzen Tag über segeln wir in Richtung Schlei, und es beginnt mich schon etwas zu langweilen. Ursprünglich wollten wir nach Rügen fahren, doch ein Sturm ist uns dazwischengekommen, dessen Auswirkungen wir später noch zu spüren bekommen; das ganze Schiff schaukelt, und wir müssen alle an Deck kommen.
Wir erreichen schließlich eine Brücke, welche allerdings erst in einer Stunde öffnet, und dürfen deshalb ein wenig die Gegend erkunden. Schließlich öffnet sich dann die Brücke, und wir segeln weiter bis Kappeln. Zum Abendessen gibt es diesmal zu den Schupfnudeln leckere italienische Nudeln mit Soße. Danach gehen wir schlafen, während der Skipper weitersteuert.

Der 3. Tag
Am nächsten Tag segeln wir in eine Bucht bei Schleswig, wo wir die Gelegenheit erhalten zu schwimmen. Sören aus unserer Crew erweist sich als richtiger Hobbytaucher. Aber nicht alle sind solche Wasserratten wie wir beide!
Der Skipper verlässt uns kurzfristig und erkundet mit seinem Motorboot den Hafen. Mit meinem Fernglas erhasche ich einen Blick auf eine interessante Gegend, die mit Schilfrohren versetzt ist.

Der 4. Tag
Wieder segeln wir sehr lange, diesmal bis Flensburg. Dort kommt es zu einer "Problem-Runde", wo jeder sein Herz ausschütten kann. So erfahre ich u. a. dass ich nicht der einzige Neue an Bord bin, die meisten kennen sich jedoch schon vom letzten Jahr.
Während der Fahrt beginnen einige von uns, etwas die Vorratskammer zu plündern. Am Abend machen wir in einer besonders unheimlichen Gegend Rast - dort gibt es keine Straßenlampen -, und so habe ich Gelegenheit, an Bord zu duschen. Leider verliere ich danach mein Handtuch, welches nun auf ewig am Grund der Ostsee liegt. Bei einem Ausflug zum mittelalterlichen Piratenhafen lasse ich mir ein Tatoo anfertigen, das ein Krokodil darstellen soll.

Der 5. Tag
Diesmal fängt der Tag ziemlich schlecht für alle Anwesenden an. So fällt dem Skipper mehrmals das Besteck herunter, und auch mir geht es ziemlich schlecht, offenbar Magenbeschwerden. Am nächsten Hafen in Eckernförde geht es mir aber zum Glück wieder besser. Der Hafen ist sehr groß und sonnig. Ich kaufe mir als erstes eine richtige Seemannsmütze. Dort gibt es so viele Geschäfte und Souvenierläden.
Besonders Möwen sind hier als Motiv beliebt. Dort darf man aber keine Vögel füttern. Nach einer ordentlichen Rast fahren wir weiter zu einer Anglerbucht. Dort gibt es Unmengen von Quallen und viele Angler. Einige Jugendliche lassen mich sogar die Angelrute halten, und ich fische prompt einen Hering, der jedoch verschont wird und wieder ins Wasser gelassen wird. Am Hafen gibt es eine Theateraufführung, und wir sehen viele junge Menschen, die sich mit Säbeln duellieren. Leider dürfen Uneingeweihte nicht mitmachen.
In dieser Nacht gibt es für uns Gegrilltes auf einer Platte namens Asado, direkt am Ankerplatz. Der Skipper gibt sich sichtlich Mühe, aber seine Brote misslingen ihm etwas. Die Würste dagegen schmecken dagegen wirklich gut, tja, wie selbstgegrillt eben!

Der 6. Tag
Der Tag beginnt diesmal ganz lustig, denn ich werde der „Herr der Fliegen“. Die Fliegen an Bord sind ganz anders als die bei uns zu Hause. Auf hoher See Richtung Fehmarn gibt es nämlich keine Hornissen, dafür aber Fliegen, welche so tun, als ob sie Hornissen seien. Diese Fliegen sind riesig und gelb-schwarz-gestreift, außerdem völlig zahm und an Menschenhand interessiert - wahrscheinlich, weil in einem Gebiet, wo man den Grund nicht mehr ertauchen kann, selten Menschen hinkommen. Anfangs sind diese putzigen Insekten ganz lustig, besonders wenn sie einen richtig den Arm zum Landeplatz auserkoren haben. Doch mit der Zeit werden sie einem auch lästig oder gar unheimlich, weil sie komplett zahm und ohne jegliche Scheu sind. Spätestens wenn eine versucht, einen in die Nasen, in die Augen oder in die Ohren zu krabbeln, hat man irgendwann genug von ihnen. Man muss sie richtig von der Kleidung kratzen und dann die Gliedmaßen so lange schütteln, bis sie es irgendwie begreifen. Bald darauf haben wir richtige "Leichenberge" an Deck!
Die einzigen „normalen“ schwarzen Fliegen zieht es in die Küche, denn das ist uns ja vertraut. Neben diesen seltsamen Fliegen gibt es auch eine richtige Marienkäfer-Plage an Land. Dort belagern sie sämtliche Toiletten und Restaurants.
In einer griechischen Taverne im Yachthafen Orth gehen wir auch diesmal zu Abend speisen. Ich esse eine Pizza Margarita, die jedoch nicht so gut zurecht gebacken wird. Danach belohne ich mich mit einem Eis.
Dieser neue Hafen ist sehr interessant, besonders der hohe Dom - die Kathedrale - hat es Thomas angetan. Auch der goldene Brunnen davor ist sehr schon.

Der 7. Tag
Am letzten Tag ankern wir in Burg auf Fehmarn und schauen uns das U-Bootmuseum an. Danach geht es zurück zum Ausgangshafen Heiligenhafen, wo wir erst das Deck schrubben müssen, bevor wir schwimmen dürfen. Das dauert ziemlich lange. Als wir fertig sind, merke ich als erster, dass dieses Wasser so von Tran und Öl verschmutzt ist, dass es wie Säure brennt, wenn man darin schwimmt. Rasch wasche ich mir das Zeug wieder ab.
Danach müssen wir unsere Materialen wieder zusammenpacken, die wir gedankenlos auf der Yacht verstreut haben. Zum Abendessen gibt es diesmal leckere Pfannkuchen mit Zimt. Einige bleiben sogar noch für die Abfahrt übrig.

Abschluss
Ich finde, es war eine wunderbare Erfahrung, zusammen mit anderen auf hohe See zu fahren. Den Klabautermann habe ich vielleicht nicht getroffen, dafür aber viele Bootsspinnen, die munter im Hafen oder auf dem Meer herumwimmeln. Auf einem Segeltörn lernt man sehr viel und bekommt viele neue Erfahrungen mit auf dem Weg. Jeder, der noch niemals solch eine Tour unternommen hat, kann mir nur leid tun, denn er hat etwas Wichtiges im Leben verpasst!"

An dieser Stelle möchte ich Robin für seine Geschichte herzlich danken!!

MFG,
Lena