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CHANNA
13.06.2006, 10:54
Mini-Fastnetrace 2006
Fünf Urlaubstage, 3.500km auf der Straße, 1.000sm unter Segeln und eine Menge Spontanität sind die Zutaten für ein Erlebnis der besonderen Art.
Nach einigen Vorwarnungen kam am Dienstag Nachmittag die endgültige Zusage, ich soll bei der 21. Minifastnet Regatta dabei sein. Mini bezieht sich hierbei allerdings auf die Bootsklasse und keineswegs auf die zu segelnde Strecke. Die beläuft sich bei direkt abgestecktem Kurs auf schlappe 700 Seemeilen und somit deutlich mehr als beim großen Fastnetrennen. Bei der Bootsklasse handelt es sich um die französische Classe Mini, hierzulande bekannter als Minitransat. Der Atlantik wird allerdings nur in jedem zweiten Jahr überquert, in der Zwischenzeit gilt es die erforderlichen Qualifikationen zu erfüllen. Zumindest tausend Einhandmeilen nonstop und tausend Regattameilen sind von Nöten um sich von Frankreich auf den Weg nach Bahia/Brasilien machen zu dürfen.
Im Rahmen der Qualifikation für sein Minitransat 2007 stand für meinen Skipper, Henrik Masekowitz ( www.mini650.de) nun also das Minifastnet an. Aufgrund des anspruchsvollen Seegebiets wird diese Regatta in doppelter Crewstärke gesegelt, doublehand.
Der ursprünglich vorgesehene Mitsegler fiel kurzfristig krankheitsbedingt aus und so musste/sollte/durfte ich einspringen. Für einen Ostseesegler eine mächtig spannende Angelegenheit.
So begann ich also am Dienstag Abend mit den Vorbereitungen, Nahrungsmittel einkaufen (Tütensuppen, Kartoffelbrei, Biobrot) und noch viel wichtiger: die richtige Kleidung.
Das vermeintliche Frühjahrs Lidl-Schnäppchen (Hose und Jacke für 90,-€) hatte seine Untauglichkeit schon auf der Ostsee bewiesen und so entschied ich mich, nun doch zu einem (bisher immer einwenig von mir belächeltem) Musto-Segler zu werden. Die nicht unerhebliche Investition für die komplette Garderobe (von der Unter- bis zur Goretex-Hose und von den Seestiefeln bis zur Fleecemütze) schmerzte doch sehr, auf See habe ich mich allerdings über jeden investierten Euro gefreut. Der Luxus von Trockenheit und Wärme ist auf See eben kaum bezahlbar.
Nachdem Auto, ärztliches Attest und andere letzte Vorbereitungen organisiert waren ging es dann endlich am Donnerstag Abend los, rund 1.600km in Richtung Bretagne.
Vierzehn Stunden später heuerte ich dann endgültig auf Henrik´s BeijaMar an, einer TipTop, 6,50m lang, 3m breit und vor dem Wind mit fast 100qm Segelfläche ausgestattet.
Ein wenig trimmen hier, dort noch einige Splinte abgetaped und schon ging es am Samstag zur Prologregatta vor dem Hafen von Douarnenez los. Obwohl es nur eine reine Showveranstaltung (mit Gästen und Fotografen an Bord) war, drängelten sich die hundert Boote an der Startlinie als ob es um einen Weltmeistertitel ginge. Auch während des Rennens wurde nichts verschenkt, diverse, z.T. heftige Crashs waren die Folge. Die BeijaMar blieb unbeschädigt und so konnten wir die letzte Nacht im Hafen in den Kojen verbringen. Natürlich waren wir auch so bis zur letzen Minute mit Trimmen und den Wetterprognosen beschäftigt. Am Sonntag ging es dann endlich los. Ein mulmiges Gefühl hatte ich schon, fast 1000sm, fünf bis sieben Tage nonstop auf einer Nussschale... wird´s mir gefallen?
Was sich beim Prolog am Vortag andeutete, bestätigte sich auch beim Start, Gedränge und Tumult an der Startlinie, erst beim dritten Versuch klappte der Start und es ging los in Richtung Landsend.
Entlang der Nordküste der Bretagne, Felsen, heftige Strömungen aber zum Glück angenehme Wind und Wetterbedingungen ließen uns Frankreich in guter Erinnerung behalten. Schnell war Brest achteraus und wir fuhren in die erste Nacht. Fast sofort erschlossen sich mir die Reize der Ozeansegelei, herrliches Wasser, Delphinbegleitung, Meeresleuchten... einfach gigantisch!
Bis zum ersten Wegepunkt, Wolfsrock (Südwest-Spitze Englands) lief es für uns richtig gut, vor uns zählten wir nur zwölf Boote und hinter und mehr als fünfzig. Wie sich hinterher zeigte lagen wir tatsächlich auf Platz 18, und das mit so namhaften Konkurrenten wie Alex Thomson ( Skipper des Open 60 „Hugo Boss“) und anderen Vollprofis im Feld.
Aufgrund eines taktischen Fehlers wurden wir auf dem folgenden Abschnitt nach hinten durchgereicht und rundeten den Fastnetrock nur als sechzigste. Dieser legendäre Felsen im äußersten Süden Irlands präsentierte sich von seiner schönsten Seite. Zwar ließ der Wind immer mehr nach, am Ende wurden wir nur vom Strom um den Felsen herum gezogen, das Wetter war aber traumhaft und Buckelwalsichtungen machten die Rundung zu einem unvergesslichen Erlebnis.
Der letzte Schenkel, 300sm zurück Kurs Südost Richtung Bretagne, sollte es aber noch in sich haben. Nachdem wir auf dem ersten Teil Schwachwind und Flaute erlebt hatten, brieste es nun immer mehr auf, leider auch noch genau von vorne. In der südlichen Irischen See erreichten die Böen die 30 Knoten Marke und die recht kurzen Wellen geschätzte stattliche vier Meter. Zwei Tage zerrten diese Bedingungen an unserer Kondition, an erholsamen Schlaf war nicht zu denken, unter Deck beschäftigten mich abwechselnd zwei Gedanken:
- Wie lange hält das Boot diesen heftigen Bedingungen stand? Immer wieder sprangen wir quasi über die Wellen und knallten anschließend mit riesen Radau auf die Oberfläche zurück.
- Sitzt mein Skipper wirklich noch im Cockpit oder schwimmt er irgendwo hinter uns und ich lasse mich vom Autopilot durch die Gegend schippern?
Beide Befürchtungen erwiesen sich als unnötig, beim Boot löste sich nicht eine Schraube und mein Skipper Henrik hielt trotz anhaltend grünem Wasser im Cockpit tapfer seine Position.
Trotz heftiger Winde blieb uns die Sonne erhalten und so segelten wir auf weißem Wasser unter blauem Himmel.
Die Biskaya begrüßte uns mit ausgedehnten Nebelfeldern, wirklich unangenehm, ohne Motor in der Flaute dümpelnd vom Radarwarner zu hören, dass links vor uns und rechts hinter uns große Pötte unterwegs sind. Motorengeräusche aber nix zu sehen... letztlich ist natürlich alles gut gegangen.
Wechselnde Winde ließen den nun sehnlichst erwarteten Zieldurchlauf immer weiter nach hinten rutschen. Am Samstag Mittag erreichten wir dann aber doch noch die Zielgerade, wo uns nach 1.000sm nun auch endlich ein schneller Spigang im Glitsch (11,5kn) ein berauschendes Regattaende bescherte. Schon faszinierend, dass man auch nach sechs Tagen und Nächten auf der Zielgeraden noch Attacken der Konkurrenz abzuwehren hat und nur mit wenigen Sekunden Vorsprung die Linie passiert.
Am Ende ist es dann Platz 48 geworden, durchaus zufriedenstellend, in anbetracht des zwischenzeitlichen 18. Platzes aber auch ein bisserl enttäuschend.

Für mich war es das wohl beeindruckenste Segelerlebnis meines Lebens und hat den Hunger auf Meer geweckt. Zum Glück bekomme ich bald auch meinen Mini und werde dann erstmal die Ostsee unsicher machen. In den nächsten Jahren will ich dann aber auch den Adenauer auf den französischen Regattabahnen zeigen. Ich werde dann wieder berichten.
Weitere Informationen zu den Minis und den deutschen Teilnehmern:

Projekt Transat 2007 | Email-Rekord bei der Transat 2005
Classe Mini
The Unofficial Mini Transat Open 650 Site
http://www.ubik-offshore-racing.de/

AnonymerGast
13.06.2006, 11:30
Hey Channa,
Gratulation zu dieser Wahnsinnsleistung!!
Ich hab´s schon vom Selliner gehört, dass Du da unterwegs bist, und dann immer schön beim Winchesclub Deine Position verfolgt. *Daumen hoch* und zwar 3fach :D :D

AG

p.s. wir halten Dir schon mal einen Platz im Stadthafen frei :cool:

Spisegler
13.06.2006, 23:34
Aaahhh - tut das gut, so etwas im Forum zu lesen. Hochachtung und Glückwunsch, Glückwunsch!!! Kann nur zu gut nachvollziehen, wie es ist, Tag und Nacht mit einem Mini gegen Hackwelle anzukreuzen, aber vier Meter und zwei Tage... Das ist eine fürchterliche Belastung und vor allen Dingen eine tolle Leistung von Euch.

Liebe Forumsmitglieder kümmert Euch mehr um Minis! Wieso Sunbeam 22, Etap 21, First 21.7 und all die anderen, wenn man es auch seetüchtiger viel viel schneller und einfach geiler haben kann?!
Und ein wenig Eigenwerbung: Man hört reden, so in Ding kann man an der Ostsee auch chartern...

blaumann
14.06.2006, 09:55
tolle leistung, glückwunsch. ich bin letztes jahr das "normale" fastnet gesegelt und kann nur jedem, der die möglichkeit bekommt,empfehlen, da mitzumachen, sofort alles stehen und liegen zu lassen und zuzuschlagen.
zum ende der cowes week ist in cowes der teufel los, eine party jagt die nächste und das rennen selbst ist sowieso der hammer. soviele qualitativ gute segler und perfekt ausgestattete regattayachten findet man sonst nur selten. ich war nach dem rennen ziemlich groggy und wir waren zu acht an bord !!!! die ganze nummer double hand auf´m mini - HUT AB !

largethomas
20.06.2006, 18:37
Oha, vielen Dank für den ausführlichen Bericht, Channa! Ich wollte sowieso hören, wie's euch beiden so geht. Ist Henrik noch in Frankreich?

Klingt ja wirklich alles sehr spannend, und sehr aufregend. Ich Pantoffel-Segler habe das alles ja auch nur auf dem Bildschirm verfolgt und in anderen Foren debattiert... aber diese Schilderung ist natürlich das Sahnehäubchen!

Da hoffe ich doch glatt, dass Du mit Deinem eigenen Boot bald noch mal soviel Freude haben wirst! Steht schon der genaue Termin fest?

A donf!

Thomas