... schreibt mir heute unter der Überschrift "Noch 0 Meilen nach Phuket":

"Vorgestern erreichten wir morgens um 7.00 die Chalong-Bay. Wie ich fin-
de, war’s eine Rekordfahrt. 1100 Meilen in knapp 9 Tagen. Wir hatten per-
fekten Wind. Es war eine wunderbare, romantische Einfahrt im Morgen-
grauen. Toto weckte mich etwas vorher. wir sahen viele kleine, bewalde-
te Inseln im Morgengrauen. Unter Fock an Steuerbords gesetzt schweb-
ten wir mit 5 Knoten herein. Ein bisschen konnte man sich fühlen, wie ein
Entdecker, der ein unschuldiges Paradies anfährt. Zunächst hängten wir
uns an eine Mooring. Es war aber schnell klar, dass es eine private war,
und nach einem Kaffee gingen wir auf die Suche nach einem Ankerplatz.
Das Problem ist, dass ich mit meinem Tiefgang nicht so nahe an Land an-
kern darf. Das verlängert die Fahrt mit dem Dinghy (wieder verliert es un-
gemein Luft). Geankert, zweiten auch raus und gut war’s. Das Einklarie-
ren war nur getrübt durch die Tatsache, dass der Beamte nicht so recht
wollte. Ok am nächsten Tag ging dann alles ohne Problem und ohne Kos-
ten (wo gibt’s denn das?) vor sich. Kleiner Tipp für Euch, falls Ihr mal ...
Wenn man die Crew als Passagiere bezeichnet, bekommen die automa-
tisch 30 Tage Visum; ansonsten 14. Außerdem würden dann Kosten ent-
stehen. Wie viel weiß ich nicht, weil ich sofort 'Passengers' rief. Den Abend
könnt Ihr Euch ja denken, wie wir ihn verbracht haben: sehr viele Geträn-
ke! Vom ersten Moment an hingen immer irgendwelche Mädchen an mir
herum, ist ja klar. Wenn ich nämlich sehe, wie die anderen ausschauen.
Ein Bild des Schreckens. Alte, hässliche Männer, die ordinär grölend Mäd-
chen abgrapschen. Die Mädchen halten es aus, nur manchmal sieht man
die geballte Abneigung und Langeweile aufblitzen. Wenn sie zum Beispiel
eine Freundin mit Blicken informieren. Detlef meinte, er sei dankbar, dass
ich der 'Blitzableiter' bin. Ich unterhielt mich gestern mit einem 70-jährigen
Franzosen, der hier seit drei Jahren 'hängen blieb'. Er meinte, sein Leben
sei abgeschlossen, er wolle sich um nichts mehr scheren und noch ein
bisschen Spaß haben. Er sagte, dass jemand in seinem Alter im Rest der
Welt praktisch unsichtbar sei und, dass man als Alter im Westen seine
Bedürfnisse begraben müsste. Ich hätte ihm antworten können, dass es
wohl auf die Bedürfnisse ankäme, und ein Mensch wohl nicht nur aus Sex
besteht, sondern, hoffentlich, noch geistige und kulturelle Bedürfnisse
hat. Tat ich aber nicht. Aus Freundlichkeit und Respekt.

Hier in Phuket werden alle 'niederen' Bedürfnisse billigst erfüllt. Sogar
mein Leberwurstbrot (in bester Qualität) hab ich bekommen. Was ist das
Resultat? Es bleiben keine Illusionen mehr. Es findet eine Reduktion auf
das Tierhafte statt. Zentrum dieses Bedürfniskreislaufs ist der Profit. Sind
die Einheimischen unter sich, zeigen sie ernste Gesichter. Seit der 'Krise'
hat sich die Lage immens verschärft. Arbeitslose drängen auf den Markt.
Sie wollen um jeden Preis etwas anbieten. So werden noch mehr Pubs
aufgemacht, noch mehr Straßenstände. Das wiederum führt zu dem trau-
rigen Bild von leeren Kneipen in denen sich ab und an irgendwelche täto-
wierte Typen verlieren. Die Bardamen kommen aus dem bitterarmen Nor-
den. Gesendet von Familie oder freiwillig, verkaufen sie das Einzige was
sie anbieten können. Das System ist einfach wie brutal: willst du eine,
braucht es du es nur zu sagen. Dann musst du der Bar eine 'Ablöse' zah-
len. 200 Baht, also 4 Euro. Dann gibst du dem Mädchen noch mal dasel-
be für eine Nacht. D.h. für 8 Euro kann man ein Mädchen eine Nacht lang
'haben'. Wo da das Vergnügen liegt, entzieht sich meiner Kenntnis. Es
kann doch nicht die reine Triebabfuhr sein. Was macht man also nach 5 -
20, oder lass es 60 Minuten sein ? Unterhaltung gibt es ja nicht. Kaum
jemand spricht Englisch, jedenfalls mehr als 'how are you'. Also wird das
Mädchen in der Regel nach einer Stunde wieder zurückgebracht. Sie kann
wieder versuchen noch Jemanden zu finden.

Zurück zum 'Bordleben'. Gestern gingen Detlef und Toto von Bord. Sie
sind unterwegs zu Hartmut, den ich auch gerne mal gesehen hätte.
Später werden sie nach Bangkok gehen und von dort zurückfliegen.
Ich bin beiden sehr dankbar für die Hilfe an Bord. Detlef, der bei jedem
Wetter was aus der Küche zauberte, nebst Tüfteleien, eines ehemaligen
Siemensingenieurs würdig. Und Toto, der unerschrocken seine Dienste
tat und mich mehr als einmal entsetzte, weil er ohne Sicherung und ohne
mein Wissen in den Mast ging. Seine immense Segel-Erfahrung (40 Jahre)
hat uns sehr geholfen. Ich selbst warte nun auf 'meine' Jungs, die in ein
paar Tagen eintrudeln. Mit denen soll es eventuell schon nach Malaysia
gehen, zumindest aber ein bisschen um die Inseln hier. Heute weht der
Wind teilweise in Sturmstärke. Ich kann das Boot nicht verlassen, weil
ich dabei sein möchte, falls das Boot sich aufmacht andere Inseln zu be-
suchen. Die Genua haben wir gestern noch abgeschlagen und zusam-
mengelegt, so wie es halt ging. Die muss zum Sailmaker.

Ansonsten? Ansonsten nichts, ich genieße mein Alleinsein und schreibe
Texte. Ich hoffe Euch allen geht’s gut. Ich wünsche uns allen, dass die
Schwalben überleben mögen.

Grüße Gio"