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  1. #1
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    Standard Toiletten-Hygiene auf Schiffen im Mittelalter

    Guten Tag,

    beim Covid19-bedingten Anblick der leeren Regale ohne Klopapier, Küchenrollen und Papiertaschentüchern, die im Moment in den Lagern verstauben, weil es viel lohnendere Artikel zu transportieren und einzuräumen gibt, kam mir wieder mal die Erinnerung an einen Beitrag zum Nachbau einer Hansekogge.

    Es ist schon einige Jahre her und die Erinnerung ist etwas verschwommen. Eine Passage im Beitrag beschäftigte sich mit der Bordhygiene. Als Toilette wurde im Achterschiff ein Sitz (oder Brett) mit Loch vorgestellt .. soweit, so gut. Als Reinigungs-Tool wurde ein Tau gezeigt, das am Ende zu einem Puschel aufgedröselt war. Es wurde erklärt, dass man dieses Tau achteraus mitgeschleppte wo es sich im Salzwasser reinigte und bei Bedarf hat man es eingeholt und fachgerecht zur Reinigung verwendet.

    Ich habe das damals gesehen, geschmunzelt aber irgendwie kamen meine Ironie-Detektoren zu keinem eindeutigen Ergebnis.

    War das, was der Skipper dem Fernsehteam vorstellte, eine übliche Methode der Reinigung auf Schiffen des Mittelalters oder war es ein Gag für Leichtgläubige?

    Meine ernst gemeinte Frage: Weiß zu diesem Thema jemand mehr?

    Schönen Gruß und immer gesund bleiben. Die nächste Segelsaison kommt bestimmt
    mfG

    Michael

  2. #2
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    Zitat Zitat von Michael60 Beitrag anzeigen

    War das, was der Skipper dem Fernsehteam vorstellte, eine übliche Methode der Reinigung auf Schiffen des Mittelalters oder war es ein Gag für Leichtgläubige?

    Meine ernst gemeinte Frage: Weiß zu diesem Thema jemand mehr?
    .

    Das Tau hat einen Namen, es ist das "Allemannsend".
    Meist wurde das Allemannsend an das Netz unter den Bugspriet gebunden. Dieser Ort war dann auch "der" Ort.
    Auf manch Küstensegler wurde diese Toilette noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts genutzt.


    ,
    Geändert von supra (22.03.2020 um 06:47 Uhr)
    Ich will 'nen Ankerball mit Solarlampe drin.
    Gekreuzte , schwarze TV - Schüsseln mit Nachtlatücht !

  3. #3
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    Zu Michael,
    im Mittelalter war in den meisten Fällen keine Reinigung erforderlich. Das kann einer auch sehen in den Slums - in Indien vor Mumbai, wo 10-tausende Ihre Notdurf am Strassenrand verrichten. Durch die Hockstellung wird der Darm ein wenig nach aussen gestülbt und nach der Entleerung wieder eingezogen. Eine Reinigung ist daher kaum erforderlich und wenn es dünn wird genügt ein wenig Spritzwasser. Das ist wie bei einen Hund, da läuft auch keiner durch die Gegend mit einer Rolle Toilettenpapier.
    Je fetter die Ärsche wurden, um so mehr muss "geschmiert" werden und die Bequemlichkeit auf der Brille leistet da auch einen Beitrag. Mit einer einfachen Bidetbrause was in Asien eine Selbstverständlichkeit ist, braucht einer kein Toilettenpapier mehr. Ich kenne das auch in Bayern in meinen Umfeld nicht anders, da kostet so eine Brause mit Schlauch um die 18,-€ im Bauarkt, kann einer auch bei Wish bestellen, ist leicht zu montieren und Toilettenpapier braucht einer nur noch für die Gäste die immer noch mit Begeisterung "schmieren".
    Engel

  4. #4
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    Zitat Zitat von Engel Beitrag anzeigen
    . ….Durch die Hockstellung wird der Darm ein wenig nach aussen gestülbt und nach der Entleerung wieder eingezogen. Eine Reinigung ist daher kaum erforderlich und wenn es dünn wird genügt ein wenig Spritzwasser. ...
    Das habe ich jetzt nicht ganz verstanden. Kannste mal 'n Foto einstellen ?

  5. #5
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    In Hoorn, am IJsselmeer liegt die Replica der Halve Maen, mit der Henry Hudson die Nordwest-Passage finden sollte. Bei der Führung durch dieses Schiff erhielt man einen Allemannsknoop, unbenutzt. Auf Nachfrage wurde dessen Bedeutung und die der Schiffsgärten erklärt.
    Die Schiffsgärten sind Grätings oder Netze am Klüver (#2) die der Mannschaft als Klo dienten. Offiziere benutzten den Erker am Achterkastell.
    Bedenkt man, das ein gut 50m langes Linienschiff 800 Leute an Bord hatte, wird das (oder die) Allemannsend nicht zur Ruhe gekommen sein.

    Gruß Franz
    halber Wind reicht völlig

  6. #6
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    Ich habe mal gelesen, ist schon länger her und weiß wirklich nicht mehr wo, dass es sogar noch auf Marineschiffen im 19Jhdt, für das einfache Volk, sprich einfachste Matrosen, nur Eimer mit einem gemeinsamen Fetzen zur Reinigung nach dem Gang gab. Das "Tuch" wurde dann nach "Bedarf" im Meer gespült durch hinterherschleppen.

    Aber dazu braucht man gar nicht soweit in die Vergangenheit reisen. Ich habe vor einigen Jahren, auf einer der Mole recht nahegelegenen Hafentoilette in Essaouira (Marokko), Wasser zapfen wollen, dort gab es einen Wasserhahn. Dieser war aber etwa 1,20m über dem Boden neben dem Plumpsklo installiert. Die in (im wahrsten Sinne des Wortes) Naturfarben bemalte(bestrichene) Wand bis zum Wasserhahn, hielt mich aber vom Anschließen meines Schlauches ab. Wie man sieht gibt es da auch heute noch die verschiedensten Möglichkeiten....

  7. #7
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    Was man auch gerne vergisst, ist die Tatsache, dass damals beim Ablegen die Mannschaft etwa 50% mehr Personal enthielt, als nötig gewesen wäre. Die Kapitäne und Redereien wußten, dass im Laufe der Reise der Überschuss an Personal durch schlechte Nahrung, unhygienische Verhältnisse dezimiert werden würde. Trotz aller Gefahren würden aber immer genug Personal an Bord sein, um das Führen des Schiffes zu ermöglichen....

  8. #8
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    Zitat Zitat von 2ndtonone Beitrag anzeigen
    Was man auch gerne vergisst, ist die Tatsache, dass damals beim Ablegen die Mannschaft etwa 50% mehr Personal enthielt, als nötig gewesen wäre. Die Kapitäne und Redereien wußten, dass im Laufe der Reise der Überschuss an Personal durch schlechte Nahrung, unhygienische Verhältnisse dezimiert werden würde. Trotz aller Gefahren würden aber immer genug Personal an Bord sein, um das Führen des Schiffes zu ermöglichen....
    Hat sich nicht viel geändert..drum kriegt man mich auch nicht auf 'nen Kreuzfahrer

  9. #9
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    Hallo Supra,

    vielen Dank für den Tipp. "Allemandsend" war der Begriff, den ich nicht mehr parat hatte und ohne dieses Wort hatte meine Internet-Suche kein Erfolg.

    Es ist ein unappetitliches Thema aber was Hygiene angeht, war im Mittelalter bis in die Neuzeit jedes Naturvolk in Südostasien den Europäern voraus. Körperreinigung war häufig Ritus, während sie bei den Europäern als lästig und überflüssig eingestuft wurde. Früher wie heute bewunderte Prunkbauten wie Schloss Versailles hatten an die 2000 Räume aber keine einzige Toilette geschweige denn fließendes Wasser. Die Folgen dieser Unsauberkeiten sind bekannt. Katastrophale Seuchen breiteten sich aus und diese wurden durch den aufkommenden Handel nach Übersee transportiert, wo sie unter den Eingeborenen wüteten. Es war also keineswegs so, wie "Engel" sagt, dass früher Reinigung "nicht erforderlich war". Sie war erforderlich aber sie entsprach nicht dem Zeitgeist und erst als der Zusammenhang zwischen Seuchen und Unsauberkeit klar wurde, hat man umgedacht.

    Vor dem Hintergrund ging es unter der Schiffsbesatzung auf Linienschiffen ja reinlicher zu als unter Adligen. Seuchen wurden dennoch durch die "Entdecker" der Neuzeit weltweit verbreitet.

    Ich wünsche einen schönen, sonnigen Sonntag.
    mfG

    Michael

  10. #10
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    Zitat Zitat von 2ndtonone Beitrag anzeigen
    Was man auch gerne vergisst, ist die Tatsache, dass damals beim Ablegen die Mannschaft etwa 50% mehr Personal enthielt, als nötig gewesen wäre. Die Kapitäne und Redereien wußten, dass im Laufe der Reise der Überschuss an Personal durch schlechte Nahrung, unhygienische Verhältnisse dezimiert werden würde. Trotz aller Gefahren würden aber immer genug Personal an Bord sein, um das Führen des Schiffes zu ermöglichen....
    .... und wussten Sie schon, dass bei der glorreichen britischen Navy 10 mal soviel Menschen an desaströsen hygenischen Bedingungen und Fehlernährung starben als im Gefecht?
    Das lag z.T. am Unwissen, z.T. an der unumstößlichen Meinung der Crew. Die unumstößliche Meinung gibt es immer noch.

    Gruß Franz
    halber Wind reicht völlig

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